NICOLAS EYER

Warum schreibe ich?

Warum schreibe ich? Um die Welt darzustellen, wie sie ist, um die Realität mit sprachlichen Mitteln zu spiegeln? Nein, das nicht. Dafür habe ich zu wenig Vertrauen in die Objektivität der Sprache. Denn wo Sprache ist, da ist auch der Mensch mit seinen Gefühlen, seinen Hoffnungen und Sehnsüchten, mit seinen Irrtümern. Vielmehr schreibe ich, um die Schönheit sichtbar zu machen, die sich hinter den Dingen verbirgt. Ich schreibe, um der Realität etwas hinzuzufügen, sie zu verändern durch meine eigenen Hoffnungen und Sehnsüchte; um sie neu zu erfinden. Schreibend kann ich Berge hinter mir lassen und im Schein meiner Schreibtischleuchte ans Meer reisen oder an die Hänge eines Vulkans, kann den Winter zum Sommer werden lassen und, wenn ich denn will, den Sommer wieder zum Winter. Ich lasse diesen Sehnsüchten ihren Lauf; oft bin ich dann selbst erstaunt, welche Wendungen ein Text bis zum Schluss genommen hat. Dieses Abenteuer ist es mir immer wieder wert, einsam am Schreibtisch erlebt zu werden, mit einem leeren Blatt Papier vor mir und dem Füller in der Hand, leiser Musik lauschend, die zu Sprache wird, während die Sprache ihrerseits Musik wird …